Geburtsbericht: Wunschkaiserschnitt

Dass es ein Wunschkaiserschnitt werden sollte, verlautbarte ich ja die eine oder andere Woche zuvor schon in Form eines Blogbeitrags, deshalb werde ich euch hier für das Warum, Weshalb und Wieso einfach den Link zum Beitrag setzen.

Das Geheimnis war also gelüftet und wiedermal war all die Angst etwas Ungemütliches oder ein Tabu anzusprechen wie weggeblasen. Ein paar Follower weniger, ein paar höflich formulierte Kritiken und gute Diskussionen darüber, aber sonst wirklich nur positives und verständnisvolles Feedback ließen mich ohne Hemmungen und Geheimnistuerei auf den Termin freuen. Und ja, es war pure Freude. Die einzige Angst, die ich eventuell etwas verspürte, war die Angst, die falsche Entscheidung getroffen zu haben.


Sonntag, 19.7.2020:


07:30: Hürde 1

Im Auto sitzend gab es einen Rachenabstrich vor dem Krankenhauseingang, sprich einen Coronatest für alle, denen eine Operation bevorstand. Ging blitzschnell und tat kein bisschen weh, ein kurzes Kratzen, ein kurzes Hüsteln und fertig war die Geschichte. Dies zählte zur ersten Hürde, die ich überwinden musste, um zu meinem Baby zu gelangen.


Apropos Hürde. Hier meine Hürden, vor denen mir graute, chronologisch geordnet:

1. Rachenabstrich (Corona bedingt)

2. Einlauf

3. Blasenkatheter

4. Kreuzstich


Der Abstrich dauerte keine zwei Minuten und ich durfte wieder heimfahren, um nur einige Stunden später wieder zu kommen.


16:00: Um vier Uhr nachmittags sollte ich „einchecken“. Wir waren pünktlich dran, Levi hatten wir in der Zwischenzeit bei Oma geparkt und fuhren Richtung Horn. Am Weg dahin überlegte ich fieberhaft, wie ich meinen Aufenthalt bei der Anmeldung formulieren sollte. „Ich checke ein“ passte ja doch nicht so gut...

Wir waren superpünktlich um 5 vor 4 am Parkplatz des Krankenhauses, als ich Nudelsiebhirn bemerkte, dass mein Geldbörsel plus e-Card zuhause lagen. Gut, alles wieder retour.

45 Minuten später, dieselbe Strecke, wusste ich bereits, dass ich einfach „Ich bin angemeldet“ sage, jetzt überlegte ich allerdings mindestens genauso fieberhaft, wie ich mein Zuspätkommen erklären sollte.


16:50: Check-in... äh Anmeldung. Dass ich zu spät kam, schien niemanden zu interessieren und so bezog ich Zimmer 125. Ein Zweibettzimmer für mich alleine, gut so. Wie bei einem Hotelaufenthalt machte ich mich bettfertig, schlüpfte unter die Decke, drehte den Fernseher auf und wartete auf mein Abendessen. Unterdessen kam eine superfreundliche Hebamme, die mir den morgigen Ablauf erklärte, und mir sogleich mitteilte, dass sie mich um 05:00 mit einem Einlauf wecken würde. Spätestens jetzt war das Urlaubsfeeling vorbei.

Meinen Mann zwang ich noch per Telefon RTL zu schauen, Bridget Jones lief und ich erklärte ihm, dass das äußerst romantisch wäre, wenn wir es so quasi gemeinsam sehen würden. Bis heute bin ich mir sicher, dass er es keine Sekunde aufgedreht hatte.


Montag, 20.07.2020:


05:10: Hürde 2

„Guten Morgen, hier kommt der Einlauf“, kam die junge Hebamme freudestrahlend und nahezu singend herein. Ach, einer dieser Momente, die einfach nur ungut sind und man sich am liebsten verkriechen wollen würde.

Konnte es keine alte Hebamme sein, die schon alle Versionen von Pos gesehen hatte und meiner ein Highlight gewesen wäre? Je jünger und gleichaltriger und „cooler“ die sind, desto unguter fühle ich mich bei sowas und eins sag ich euch: In diesem Bericht kommen noch nettere, jüngere, liebere und „coolere“ Mädels, die mit noch unangenehmeren Dingen an meinem Körper betraut waren...

Also zurück zum Einlauf: Ging schnell rein und noch schneller raus.

Was soll ich dazu mehr erzählen, außer vielleicht, dass ich mich danach wie nach einer dreiwöchigen Detoxtherapie gefühlt habe. Überrascht über mein gutes, neues, leichtes Wohlbefinden kroch ich wieder in mein Bett und wartete bis man mich in den Kreißsaal schob, denn Hürde 3 wartete dort schon auf mich, der Blasenkatheter.


06:20: Hürde 3

Im Kreißsaal, in dem ich Levi entbunden hatte, wartete ich. Ich wartete und wartete, zuerst auf die Hebammenstudentin, die mir den Katheter setzen sollte, dann wartete ich auf Thomas, dann auf meinen Arzt. Aber alles mal mit der Ruhe und von vorne.


Die Hebammenstudentin. Noch jünger also. Mein Gedanke auch bei all den jungen ist (wo mir immer wieder welche auf Instagram schreiben, dass sie im KH Horn arbeiten), dass sie vielleicht liebe Follower sind und mir jetzt irgendwelche Schläuche in irgendwelche Röhren und Ausgänge werken dürfen/müssen. Allein der Gedanke war schon beschämend, aber half ja schließlich nichts, konnte ja schlecht sagen, dass ich gerne eine alte ohne Internetzugang hätte.

Gut, meine Beine durfte ich brav öffnen und all das Equipment, was nötig war, wurde dazwischen aufgebreitet. Dank meiner Kugel sah ich gerade noch meine aufgestellten Kniescheiben und lauschte den Gesprächen und Erklärungen, wie die Studentin vorzugehen habe. Fragen wie „Was ist das denn?“ während zwischen meine Beine gezeigt wurde, ließen mich nicht unbedingt entspannen und in meinem Kopf formulierte ich schon diesen Blogbeitrag, um mich im selben Augenblick selbst zu therapieren. Mache ich übrigens immer so in unguten Situationen. Aber nachdem so ein Katheter nichts Neues für mich war (Teeniezeit = chronische Blasenentzündungszeit), war ich zumindest körperlich locker und entspannt.


07:00: Der Mann kam

Thomas durfte im Kreißsaal bei mir sein. Mehr war hier nicht wirklich zu sagen, ich war nicht nervös, also musste ich auch nicht beruhigt werden. Ich war nach wie vor voller Vorfreude und wollte einfach, dass es losgeht.

Mein Arzt kam herein, fragte nach meinem Befinden, unterschrieb irgendwelche Zettel und kündigte an, dass es in der nächsten Stunde losginge. Also hieß es weiter warten...


08:06: Ab in den OP

Hinter einer Tür, an der ich schon zigmal vorbei gegangen bin, verbarg sich überraschenderweise der OP Bereich. Wobei OP-Bereich nicht mal annähernd das trifft, was ich dort vorgefunden hatte. Es war eher eine ganze eigene sterile Welt, Gänge um Gänge, vorbei an OP-Sälen, hinein in Saal 5, schiebend, liegend und in die Maske atmend, übergeben an zwei vermummte Männer höheren Alters, die mich innerlich schmunzeln ließen. Ich versuchte die ganze Zeit darauf zu kommen, an wen mich die zwei erinnerten und kam schließlich auf die zwei Verbrecher von „Kevin allein in New York“. Das belustigte mich eine Weile. Dass auch die beiden es waren, die mich nach dem Kreuzstich auf die OP vorbereiteten, mich nackt auf dem Tisch liegend fixierten, Arme und Beine vom Körper spreizten und mir neue Nadeln setzten, schien dank dieser Vorstellung an mir vorbeizuziehen.


Aber kurz noch zurück zum Kreuzstich:


08:15: Spinalanästhesie oder Hürde 4

Auf dem OP Tisch wurde ich aufgesetzt, eben von den zwei filmreifen Verbrechern, die ausgesprochen liebe Augen hatten und mich rechts und links stützten, sodass ich nicht in Versuchung kam, mich zu bewegen. Immerhin ist es nicht ganz ohne, kannte die Prozedur jedoch schon von Levis Geburt. Angst, dass es weh tut, hatte ich keine, wäre ich ja ohnehin nicht drum herum gekommen. Zuerst kam die lokale Betäubung, die leicht piekste und dann der Kreuzstich in den Wirbelkanal, beides war absolut nicht schlimmer als irgendeine andere Spritze oder Venenkatheter. Schnell merkte ich, wie Blitze durch mein rechtes Bein fuhren, was ich auch mitteilte und mir erklärt wurde, dass das völlig normal war. Also alles gut...


08:25: Traritrara, der Arzt ist da

Ich freute mich, als ich das mir bekannte Gesicht meines Arztes sah, denn jetzt wusste ich, dass es losging und ich nicht mehr lange von meinem Baby entfernt war. Nach wie vor dominierte die Vorfreude, ich war weder nervös, noch ängstlich. Ganz wenig hatte ich die Befürchtung, dass ich etwas spüren konnte. Die nette Dame, ebenfalls höheren Alters, die bei meinem Kopf saß und meine Werte kontrollierte, fragte mich immer wieder nach meinem Befinden. Also gab es sie doch noch, die älteren...

Plötzlich wurde mir schlecht, nicht so schlecht zum Brechen, jedoch schwindelig schlecht, mein Blutdruck sank radikal ab auf 70 zu irgendwas, zumindest hörte ich das in meinem Taumel.

Das geschah immer wieder bis mir ein Medikament gespritzt wurde, das mich wieder nach oben hob, oder besser gesagt schoss. So ging es einige Male rauf und runter. Der Raum war voller Leute. Eine Hebamme, die Hebammenstudentin, die mit ausgebreiteten Armen und einem Handtuch darauf wartetet, mein kleines Wunder in die Arme gelegt zu bekommen, eine ebenfalls junge Frau, die auf einem hohen Hocker saß und mich immer wieder freundlich anlächelte, deren Funktion mir jedoch bis heute ungewiss ist, die zwei Herren aus dem Kevin-Film, die ältere Dame, die mir bei jedem Blutdruck-Tief die Nierentasse näher schob, damit ich im Fall des Falles liegend hineinkotzen könnte, irgendjemand hinter mir, mein Arzt, der hinter dem Sichtschutz vor mir unbemerkt operierte und hinter ihm ebenfalls irgendjemand, den ich nur im Augenwinkel sah. Mittendrin ich mit OP Haube und Mundschutz, worunter mir ein Schlauch mit Sauerstoffzufuhr in die Nase geschoben wurde, ziemlich entspannt, alles beobachtend, liegend und wartend.

Ich spürte jede Berührung, jedoch keinen Schmerz, was ich als äußerst strange empfand. Angefühlt hat sich das Ganze ein wenig, als würde mein Körper bzw. mein Bauchbereich Achterbahn fahren. Es wurde gewerkt, gezerrt, gerissen. Es fühlte sich an, als würden zwei Hände in mir einen Teig kneten. Schmerzen oder ein ungutes Gefühl hatte ich keine Sekunde, es war kein einziges Mal unangenehm.


Anton ist da.


Fünf Minuten, dann kam das, worauf ich die letzten neun Monate wartete: Mein Baby schrie.

Er schrie und in dem Moment löste sich bei mir ein Schwall an Tränen, ich schluchzte los, als hätten auch diese Tränen ganze neun Monate gewartet, endlich losgelassen zu werden.

Eine Reaktion mit der ich nie gerechnet hätte, hatte ich doch bei Levi keine einzige Träne vergossen. Es war allgemein alles anders als bei Levi, nicht nur die Art der Geburt, sondern auch meine Gefühle, meine Empfindungen, meine Wahrnehmungen, einfach alles.

In der Sekunde, in der ich Anton hörte und noch nicht sah, wurde mir bewusst, dass das der schönste Moment meines Lebens war, ich war unendlich glücklich. Sofort wurde mir der Kleine zur Ansicht über den Vorhang gehalten, noch bevor er der Hebamme übergeben wurde. Ein kleines verschrumpeltes, schreiendes Bündel mit Käseschmiere all over. Kurz bekam ihn die wartende Hebamme, die ihn mir nach einem schnellen Check auf die Brust ganz nah an mein Gesicht legte. Ich küsste meinen Buben während er von alleine augenblicklich an meiner Brust saugte und trank als hätte er noch nie etwas Anderes gemacht. Mein Herz ging über, noch nie hatte ich so viele Gefühle auf einmal, noch nie verspürte ich so eine Zufriedenheit. Eine Erleichterung kam hoch und ich wusste, dass ich für mich die richtige Entscheidung getroffen hatte.


Nach wenigen Minuten wurde Anton mir genommen und zu seinem Papa gebracht, der draußen auf seinen Buben wartete, um ihn auf seinem nackten Oberkörper ganz viel Wärme und Liebe zu geben. Für mich war selbst das ein schönes Gefühl, denn ich wusste, dass es ihm gut geht und er in den besten Händen war.


Jetzt lag ich da. Die Hälfte der Menschen schien irgendwie weg zu sein, für mich wurde es ruhig. Ich spürte nichts mehr in meinem Körper, kein Nähen und auch irgendwie keine Berührungen. Ich merkte nicht einmal, dass mir das berühmte Netzhöschen plus schiffartiger Binde angezogen wurde. Mein Arzt gratulierte mir und ging.

Ich schloss meine Augen und war einfach nur müde und zufrieden, während man mich in den Aufwachraum schob.

Ca. 09:30: Der Aufwachraum

Ich sollte etwa eine Stunde im Aufwachraum liegen. Auch hier schwankte mein Blutdruck zwischen „Ich bin gleich weg“ und „ziemlich niedrig“. Eine richtig liebe Ärztin kontrollierte mich regelmäßig und fragte mich, ob sie mir mein Baby bringen lassen sollte, worauf ich auch um meinen Mann bat, denn um alleine Anton zu halten, fühlte ich mich kräftemäßig noch nicht in der Lage und tatsächlich... Obwohl sie es mir nicht versprechen konnte, dass er reindurfte, bemerkte ich nur Minuten später Thomas im Augenwinkel, der mit einem winzigen kleinen Menschlein an der Brust hereinkam. Seine beiden Hände hielten ihn und umhüllten den ganzen Körper. Wieder schossen die Tränen vor Glück und Rührung nur so von mir. Die zwei zu sehen war die Krönung für mich. Thomas hielt mir mein Leines Wunder her und ich konnte keine Sekunde die Augen von ihm lassen.


Zurück im Zimmer, oder: Tag 1

Zurück im Zimmer kam ich langsam wieder zu Kräften. Anton trank brav an der Brust und schlief auf mir immer wieder ein, wir genossen noch kurz die Zeit zu dritt bis Thomas gehen musste. Eine Stunde hatte man uns gewährt, obwohl ich alleine im Zimmer lag. Schade, aber so ist oder war es nun mal in der Coronazeit. In meiner Babyblase stand ohnehin Raum und Zeit still und alles, was so um mich passierte, interessierte mich nur sehr wenig.

Die Besuchszeiten waren so gelegt, dass ausschließlich der Vater und Geschwisterkinder einmal am Tag zwischen 15:00 und 16:00 besuchen kommen konnten, so ergab es sich auch, dass Thomas gleich am Nachmittag nochmal kam. Diesmal mit Levi. Als ich das erfuhr, war meine Vorfreude und Aufregung auf die Reaktion des neuen großen Bruders unglaublich.


Um 15:30 ging also die Tür auf und der strahlende Papa kam mit Levi am Arm herein. Freudig und tollpatschig hopste der kleine Mann auf Mama im Bett zu, ohne das Baby in meinem Arm zu bemerken. Noch heute bin ich froh, dass ich ein Video machen konnte von der Sekunde als Levi ihn erblickte, seine Augen glänzten und ein vorsichtiges Lächeln und Neugierde breitete sich in seinem Gesicht aus.

Wie ein kleiner Arzt stellte er gleich mal fest, dass auch Anton zwei Augen, eine Nase und einen Mund hatte, jede Stelle seines winzigen Körpers wurde inspiziert. Füße wurden gehoben, Finger begutachtet. Ich war so glücklich.

Am Abend war Mamaprogramm angesagt und wer sich da eine wohltuende Spa-Behandlung vorstellt, hat weit gefehlt. Die Hebammenstudentin, die mich in der Früh schon mit dem Einlauf beglückte, brachte eine zweite mit. Ebenfalls mit Sicherheit jünger als ich, mindestens genauso lieb kam sie mir äußerst bekannt vor, was mich nicht unbedingt entspannen ließ beim darauffolgenden Wasch- und Erneuerungsprogramm. Ohne mich selbst großartig bewegen zu müssen, wurde ich untenrum saubergemacht, Blutkrusten wurden entfernt und die XXL Einlage erneuert.

So in etwa muss man sich fühlen, wenn man alt ist und gepflegt wird, dachte ich und wünschte mich ganz weit weg, was ich geistig auch versuchte zu bewerkstelligen.

Kein Moment, den ich so bald wieder brauche. Anschließend wurde noch mein gut gefüllter Harnkatheter entleert und zu guter Letzt musste ich aufstehen. Autsch. Für den Heilungsprozess und das Kreislauf-in-Schwung-Bringen angeblich wichtig. Also klammerte ich mich rechts und links an die beiden Mädels und drehte mich unter heftigen Schmerzen erst in die Sitzposition und danach schaffte ich sogar kurz das Aufstehen. Alles zog und schmerzte, die Wunde bzw. die Naht stach heftig. Mit einem leicht schadenfrohen Grinsen fragte mich eine der beiden, ob ich immer noch einen Kaiserschnitt bevorzugen würde. Ich überlegte kurz und blieb ihr die Antwort schuldig. Das war nun nicht der richtige Zeitpunkt, um diese Frage zu beantworten.


Dienstag, 21.07.2020:


Die Nacht war angenehm, Anton trank brav und schrie nicht ein einziges Mal. Er schmatzte einfach immer zuckersüß, sobald er hungrig wurde. Dieses Schmatzen hat er bis heute beibehalten, untermalt es mittlerweile jedoch mit einem fordernden Gebrüll, wenn Mamas Brust nicht in Windeseile da ist.

Die Schmerzen der KS-Wunde waren dank der Schmerzmittel so gut wie nicht vorhanden, dafür jedoch Nachwehen.

What the fuck?! Niemand hat mir was von Nachwehen gesagt, die angeblich bei jedem weiteren Kind stärker werden und ich von Levi gar nicht kannte.

So spürte ich ja schon die Nachwehen, aber wenn Anton an der Brust trank, wusste ich nicht wie ich mich krümmen sollte, um das auszuhalten. Wobei auch der Schmerz des Ansaugens an sich mir durch Mark und Bein ging, was ich auch von Levi nicht kannte in dem Ausmaß.

Noch am Vormittag musste ich duschen gehen und alleine beim Gedanken daran aufzustehen, graute mir. Natürlich alles wieder mit zweifacher Hilfe und gewaschen werden, zusätzlich sollte der Katheter raus, an den ich mich schon so gewöhnt, den ich ja fast schon liebgewonnen hatte. Das Aufstehen tat wieder fürchterlich weh, dann ging’s. Gekrümmt wie eine alte Frau setzte ich einen Fuß vor den anderen, um irgendwann das Badezimmer zu erreichen.

Frisch gewaschen und mit neuem Netzhöschen versehen, fühlte ich mich tatsächlich gleich um Welten besser, auch wenn mich das Lob und die damit verbundene Nachricht, ab jetzt alles alleine machen zu müssen, etwas beunruhigte.

Immerhin war jetzt auch kein Schlauch mehr in meiner Harnröhre, der mir all die Arbeit des Urinierens und des damit verbundenen Aufstehens abnahm.

Mit jedem Mal Aufstehen ging es besser, mit jedem Mal Aufstehen entwickelte ich mehr den Wunsch schon heimgehen zu können. Ich vermisste Thomas und Levi und werde generell ab dem dritten Tag in einem Krankenhaus leicht depressiv. Den Wunsch verstärkte natürlich auch der Besuch am Nachmittag meiner beiden Männer, deshalb sprach ich bei der abendlichen Visite gleich mal mit der Ärztin und deren Anhang. „2-3 Tage müssen Sie schon noch bleiben!“ Das saß, stach und tat weh, am liebsten hätte ich bitterlich geweint, wollte ich doch nur heim und mein Leben oder eher das Abenteuer mit meiner größer gewordenen Familie beginnen.

Jetzt rückblickend gesehen, wäre es wirklich ein Wahnsinn gewesen, einen Tag nach dem Kaiserschnitt heimzugehen, doch im Krankenhaus kommen einem die Tage einfach vor als wären sie viel, viel länger. Ich hatte das Gefühl, schon eine Woche da zu sein, zusätzlich war ich schmerzfrei, konnte mich alleine bewegen und sah keinen Grund, nicht zuhause mit meinem Säugling im Bett liegen zu können.


Mittwoch, 22.07.2020:


Heimgehen. Heimgehen. Heimgehen. Der Wunsch war schon so groß, sodass ich alleine beim Gedanken noch hierbleiben zu müssen, Tränen in den Augen hatte. Der Tag verging. Essen. Stillen. Schlafen. Das Aufstehen funktionierte mittlerweile ohne Probleme und ich hatte fast keine Schmerzen mehr dabei. Die Schmerzmittel wurden auf Tabletten umgestellt, wo ich selbst gleich mal beschloss, die jede zweite wegzulassen. Auch das klappte ohne Probleme und Schmerzen. Jede Schwester, Hebamme, Arzt, ja sogar die Rückbildungstante wurde von mir eingelullt, dass ich fit wäre und absolut keine Notwendigkeit mehr sehe, hier zu bleiben. Beim Schichtwechsel am Abend begrüßte mich die Visite schon mit den Worten „Sie wollen heim. Ich weiß. Wurde mir mehrfach mitgeteilt!“ Hatte mein Gesudere also doch Gehör gefunden und wurde mit einem „Schauen wir morgen mal weiter...“ abgewimmelt.


Donnerstag, 23.07.2020:


Als in der Früh meine Augen aufgingen, beschloss ich heute heimzugehen. Mit oder ohne Einverständnis des Arztes.

Ich fieberte nervös auf die Visite am Vormittag hin und hoffte inständig, dass mein Arzt Dienst hatte und unter der Meute an Menschen war, die immer bei der Visite die Zimmer stürmten und tatsächlich: Er hatte Dienst, mein Arzt, der Oberarzt meines Vertrauens. Noch vor der Begrüßung, noch bevor der Rattenschwanz, der meinem Arzt folgte, an meinem Bett angekommen war, verlautbarte ich meinen Wunsch heimzugehen. Die Oberkrankenschwester oder welche Funktion sie auch immer innehatte, die mir schon bei Levis Geburt nicht sehr freundlich entgegentrat, antwortete noch bevor es jemand anders konnte und lehnte meinen Wunsch ab, die Begründung flüsterte sie meinem Arzt ins Ohr, während sie mich wie eine Schlange ansah. Gemurmel ertönte den Raum, Sätze mit „zu früh“ und „sicher nicht“ fielen. Mein Arzt blieb völlig ruhig, lächelte mich an und mit einer Ruhe in der Stimme formulierte er den Satz, auf den ich so gehofft hatte.

„Na wenn sie heimgehen will, dann lassen wir sie heimgehen!“

Zack, brack, mein Herz hüpfte, ich grinste und fing schon gedanklich an, meine Sachen zu packen.


Bevor ich ging, war mir noch eines wichtig: Ich wollte der netten Hebammenstudentin eine Antwort auf ihre Frage vom ersten Tag geben! „Ja, ich würde den Kaiserschnitt jederzeit wieder bevorzugen und ja, es war die allerbeste Entscheidung!“ Sie lächelte und ich hatte das Gefühl, sie freute sich ehrlich für mich.


Zu Mittag durfte ich heim, Thomas holte mich ab und wir fuhren, kitschig gesagt, in unser neues Leben. Doch zuvor wollte ich noch schnell meinen Afterbabybody festhalten. Ungesühnt, unbearbeitet, so wie er nunmal aussieht und auch euch will ich diese Bilder nicht vorenthalten.

Schön? Ansichtssache. Glücklich? Zu 100%


Schmerzmittel nahm ich noch weitere drei Tage, bis ich sie absetzte. Auch ohne, war es völlig okay. Die Wunde verheilte gut und sitzt so tief, dass man sie nicht mal im knappsten Bikinihöschen sehen würde.


Ein kurzes Schlusswort zu meiner Entscheidung:


Ich bin heilfroh, dass ich mich dafür entschieden habe, denn für mich war es der richtige Weg. Nichtsdestotrotz muss das jede Mama für sich entscheiden und ist deshalb in keinster Weise eine schlechtere Mutter oder feig oder egoistisch, genauso wenig ist ein Kaiserschnitt automatisch der leichtere Weg. Bei mir war er das und dafür schäme ich mich nicht. Ich muss nicht unnötig leiden, um eine liebende Mama zu sein.

Der Ruf des Kaiserschnitts und was die Gesellschaft nach wie vor darüber denkt, wie sie urteilt, oft ohne nachzudenken oder zu hinterfragen, ist mehr als nur veraltet und führt lediglich dazu, dass sich Mütter schlecht fühlen.

Ich bin der Meinung, dass es im Jahre 2020 möglich sein muss, ohne verurteilt zu werden, den Moment und die Art, wie sein Kind auf die Welt kommt, selbst bestimmen zu dürfen, denn es ist einer der wichtigsten und einschneidendsten Momente im Leben, ganz gleich welchen Grund man dafür hat.


Eure Fragen:

Zum Schluss habe ich noch eure Fragen gesammelt und kurz und knapp beantwortet, teilweise ungeordnet und auch wiederholend, jedoch verlangt Anton gerade seine Mama und ich will endlich posten...

Also los gehts: 


  • Wieso durftest du nach dem KS so früh nach Hause?

Weil es mir gut ging, ich mich alleine und eigenständig bewegen konnte, Schmerzmittel ohnehin in Tablettenform bekam und ich tagtäglich darum bettelte.

  • „Fehlt“ dir etwas, was beim KS einfach nicht erlebt werden kann im Gegensatz zur natürlichen Geburt?

Was kann nicht erlebt werden? Die Wehen? Das Pressen? Nein, das fehlt mir nicht und sind auch die einzigen Dinge, die nicht erlebt werden können.

  • Was wäre „passiert“ wenn du einen Blasensprung und evt. schon Wehen vor Kaiserschnitttermin gehabt hättest?

Was sie gemacht hätten, weiß ich nicht, jedoch habe ich für mich davor beschlossen, dass wenn es so sein sollte und es zuvor losgegangen wäre, dann wäre es so gewesen. Es wäre für mich Schicksal gewesen und ich hätte Anton natürlich zur Welt gebracht.

  • Durfte Levi dich besuchen?

Ja. Der Vater und Geschwisterkinder waren erlaubt.

  • Wie schauen die Besuchszeiten im KH derzeit aus?

Täglich 30 Minuten lang zwischen 15:00 und 16:00. Ändert sich jedoch ständig und ist auch von Krankenhaus zu Krankenhaus unterschiedlich.

  • Wie schlimm ist die Narbe im Vergleich zu den „natürlichen“ Geburtsverletzungen bei der 1. Geburt?

Gar nicht schlimm, ich hatte viel weniger Schmerzen und fühlte mich von der ersten Sekunde an wohl, im Gegensatz zu den Verletzungen nach der natürlichen Geburt. Alleine, dass nicht jedes Klogehen ein Horror war, ließ mich schon wohler fühlen.

  • Welche Geburt hast du als „angenehmer“ empfunden? Wo ist es dir direkt danach besser gegangen? Welche war schöner?

Angenehmer, schöner, erfüllender, schmerzfreier definitiv der Kaiserschnitt - FÜR MICH.

  • Vor- und Nachteile für dich?

Vorteile geplanter Kaiserschnitt (und ich rede explizit nur von einem geplanten und von meinem KS): Keine Geburtsverletzungen im Intimbereich, ich konnte mich ausschließlich auf mein Baby konzentrieren, natürlich auch keine bis fast keine Schmerzen


Nachteile: Max. 5 kg heben für 4-6 Wochen, mit Kleinkind nicht ganz so super

  • Hatte dein Arzt gleich zugestimmt? Musste ich ihn überzeugen?

Ja, sofort. Hab ihm das Warum erklärt und er hat es sofort verstanden, wie eigentlich fast alle.

  • Wunschkaiserschnitt nur mit deiner Vorgeschichte möglich oder immer?

Grundsätzlich immer. Ohne Begründung muss man ihn eben selbst bezahlen und ist, wie ich glaube, auch nicht in jedem Krankenhaus machbar. Wenn du eine Begründung oder eben meine Vorgeschichte hast, zahlt es klarerweise die Krankenkasse. Auch Ängste oder Traumata können medizinische Gründe sein.

  • Wie fühlt es sich an? Man spürt ja trotzdem etwas, obwohl man betäubt ist, oder?

Komisch. Skurril. Man spürt Berührungen und dass im Körper „gewerkt“ wird, jedoch keine Schmerzen.

  • Wie war das mit Thomas, wann durfte er zu euch? War er dabei?

Thomas durfte (wie im Geburtsbericht geschrieben) beim Vorbereiten dabei sein und nach dem KS eine Stunde. Direkt bei der OP durfte er nicht dabei sein, bekam aber das Baby zum Bonding hinausgebracht.

  • Musstest du was bezahlen?

Nein, weil ich ein so genanntes Geburtstrauma hatte bei meiner ersten natürlichen Entbindung. Ich würde es zwar nicht als Trauma bezeichnen, aber so wurde es nun mal angeführt. Alles dazu habe ich HIER erklärt.

  • War es so wie du es dir vorgestellt hast?

Besser. Ich hatte nicht mit so vielen Glücksgefühlen und positiven Emotionen gerechnet. Auch die Heilung und die Schmerzen von der OP hatte ich mir wesentlich schlimmer vorgestellt.

  • Würdest du beim nächsten Kind wieder einen KS bevorzugen?

Wenn ich MEINE beiden Geburten vergleiche, dann JA, definitiv. Hätte ich die ganzen Problemchen und Schmerzen der natürlichen Geburt nicht, keine Analfissur, dann würde ich immer eine natürliche bevorzugen... glaube ich.

  • Wann hattest du den Milcheinschuss?

An Tag drei. Bin aufgewacht und dachte meine Brüste explodieren...

  • Wie groß ist die Narbe?

Ganz genau 13cm lang (habe ich jetzt extra abgemessen ;), jedoch wirklich sehr weit unten. Viel weiter unten als ich es vermutet hätte und auf Fotos zuvor ergoogelt hatte.

  • Hast du Schmerzen oder starke Einschränkungen?

Nein, keinerlei. Die ersten Wochen nahm ich noch Schmerzmittel, die zweite hatte ich ohne Schmerzmittel ein leichtes Ziehen bei manchen Bewegungen. Komischerweise und damit hatte ich nicht gerechnet, war das Pipi-Machen (einfach, weil ich das Wort Urinieren richtig hässlich finde) echt unangenehm, warum auch immer. Eine Einschränkung war jedoch definitiv, dass ich Levi bzw. allgemein nicht über 5 kg heben durfte.

  • Kannst du Anton tragen? Und Levi?

Anton ja, Levi nein. Max. 5 kg. für 4-6 Wochen

  • Wie war die Reaktion der Schwestern, Ärzte, Hebammen auf den WKS?

Überraschenderweise von allen gut, bzw. verständnisvoll und nicht verurteilend. Damit hätte ich eigentlich schon gerechnet, muss ich sagen. Dass dies nicht der Fall war, war wirklich schön und hat mich entspannt.

  • Vollnarkose oder Spinal? Wenn Spinal, tat’s weh? Hast du noch was gespürt?

Spinal. Nein, also hätte ich vor etwas Angst gehabt, dann noch am ehesten davor. Zuerst wurde die Stelle betäubt durch eine Spritze - kleiner Pieks in den Rücken, dann kam erst die Spinalanästhesie, die dann auch nicht weh tat. Angenehm war beides nicht, aber absolut erträglich. Das einzige war, dass sofort Blitze durch mein rechtes Bein zuckten, was sich etwas beängstigend anfühlte, jedoch laut Schwestern normal ist und einfach vorkommen kann.

  • Wann konntest du Anton sehen? Sofort oder später?

Sofort, noch bevor ihn irgendwer anderer bekam, dann kam ein kurzer Check und anschließend wurde er mir auf die Brust gelegt. Der schönste Moment.

  • Hattest du Angst vor dem KS? Vor dem Kreuzstich?

Nein und auch nein. Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der vor allem Neuen nervös ist, ängstlich weniger, eher nervös. Jedoch war ich auch hier nicht mal nervös, ich war voller Vorfreude und Vertrauen an meinen Arzt und den Anwesenden, die mich während der OP betreut hatten. Für mich selbst sehr überraschend, denn so kannte ich mich selbst nicht. Die einzige Angst hatte ich vor dem blöden Corona-Rachen-Abstrich :D Übrigens ebenfalls unbegründet!

  • Unterschiedliche Bindung/Gefühle dem Kind gegenüber? Mehr oder weniger Glückshormone/Endorphine, weil ich vorbereitet war? Sonstiges?

Eine Frage, vor der ich ehrlich ebenfalls Bedenken hatte. Jedoch wurde ich mehr als nur überrascht und kann es mir selbst nicht wirklich erklären:

Ich hatte beim Kaiserschnitt derartige Glücksgefühle, die ich bei der natürlichen Geburt nie hatte in dem Ausmaß. Es flossen Freuden- und Glückstränen, was ich auch bei Levi nicht hatte. Auch die Bindung ist im Moment stärker, als sie bei Levi war. Ich habe einfach das Gefühl, als hätte ich auch mehr Beschützerinstinkt, Anton empfinde ich als zerbrechlicher, sensibler, ... ich kann selbst nicht sagen, wieso das der Fall ist. Bei Anton ist irgendwie alles intensiver.

  • Hast du rausnehmbare Nähte oder sich selbst auflösende?

Selbst auflösende.

  • Kannst du den Kaiserschlüpfer nach dem Kaiserschnitt empfehlen?

Ich hatte Kaiserschlüpfer lediglich bei Levis Schwangerschaft, jedoch dieses Mal nicht. Schwanger habe ich sie bei Levi (im Winter) geliebt und bei Anton (im Sommer) wollte ich sie gar nicht.

  • Hat dir das „Geburtserlebnis“ gefehlt?

Nein, überhaupt nicht. Ich konnte alles viel intensiver wahrnehmen und mich nur auf mein ankommendes Baby konzentrieren. Für mich war das Geburtserlebnis das erste Mal so, wie man es aus Filmen und Co. kennt: Voller Freude, Emotionen und Tränen.

  • Nimmst du etwas zur Unterstützung der Wundheilung für die Narbe?

Erst jetzt, nach etwa einem Monat massiere ich mit dem Narbenpflegeöl von ´Die Hebamme in Wien´.

  • Auf was muss man bei der Narbe achten?

Puh.... Ganz wichtig: Nicht mit ungewaschenen Fingern hingreifen. Der Verband und die Klebestreifen wurden schon am zweiten Tag entfernt, danach wurde sie nicht mehr abgedeckt. Nach etwa einer Woche soll man leicht draufdrücken und wenn es sticht, dort verharren. Später dann mit Narbenpflegeöl massieren. Die Narbe kann auch im Krankenhaus oder bei einer Hebamme regelmäßig gelasert werden. Ansonsten diesbezüglich bitte den Arzt fragen bzw. wird euch das gesagt.

  • Würdest du dich nochmal für den KS entscheiden?

JA, zu 100%. Wie schon gesagt, jedoch nur in meiner Situation. Wenn ich nicht diese Probleme hätte, würde ich eine natürliche Geburt wählen.

  • Gefühl im sterilen OP Saal trotzdem schön/romantisch?

Pfff... ich finde den Saal jetzt nicht weniger schön oder romantisch als einen Kreißsaal, von dem her habe ich darauf auch gar nicht so geachtet. Bin aber ohnehin keine die sich Aromaöle und romantische Musik bei der Geburt wünscht. Bei beiden Geburten stand für mich die Geburt, ich und das Baby im Vordergrund und es hätte mich auch nicht gestört, wenn ich in einer Abstellkammer meine Wunder zur Welt gebracht hätte.



Danke fürs Lesen!


© 2020 by ena.maria.b  I  enamariab@gmail.com  I  Langenlois, Österreich