Tabu: Mein Wunschkaiserschnitt

Stellt euch vor, es wird ein Kind geboren. Ein kleiner gesunder Bub erblickt das Licht der Welt. Blaurote Hautfarbe unter der Käseschmiere, die Augen noch ganz verklebt, das kleine Gesicht noch völlig zerknautscht, wird er auf die Welt geholt und der überwältigten Mama auf die Brust gelegt. Diese ersten Sekunden, in denen die frischgebackene Mama ihr Baby mit verliebten Blicken mustert, mit grenzenloser Liebe umhüllt und dem Kleinen verspricht, immer für ihn da zu sein, weil sie ihn jetzt schon so sehr liebe. Die Anspannung, die Ängste und Sorgen vor der Geburt fallen ab, alles wird leicht und was sich sonst im Raum so tut, wird zur kaum bemerkbaren Nebensache. Pures Mutterglück und eine Liebe, die mit nichts zu vergleichen ist, füllen die Luft.


Das war eine Geburt, das war ein Wunschkaiserschnitt. Eine Geburt, die nicht weniger wert ist, als eine natürliche.



Der Wunschkaiserschnitt


Ein eigentlicher Wunschkaiserschnitt ist es ja nicht, gibt es auch ziemlich selten. Denn ein Wunschkaiserschnitt liegt dem zu Grunde, dass man sich das Datum aussuchen möchte oder aus ästhetischen Gründen „sich unten nicht zerstören lassen will“ - was völliger Blödsinn ist. Das wäre bei mir nicht der Fall. Bei mir steht „Geburtstrauma“ in der Akte. Ein Wort, mit dem ich nur schwer umgehen kann, denn ein Trauma ist für mich etwas Anderes, aber sei es wie es sei, es zählt zum Geburtstrauma.


Für alle, die den Geburtsbericht von Levis Geburt nicht gelesen haben, hier minimale Fakten: PDA (sehr toll gewirkt!) - Kind blieb stecken - Herztöne abgefallen - Kompletter Dammschnitt - Glückliche Mama mit Buben auf der Brust

Kein Trauma, keine Schmerzen, dank PDA, oder sagen wir: erträgliche Schmerzen.


Der Horror begann erst danach und dazu benötigt es eine kleine Vorgeschichte.


Die Vorgeschichte, das Warum oder einfach: Meine anale Behinderung


Ich war 16 und wie so viele Teenies dabei, eine Diät nach der anderen auszuprobieren, ziemlich unnötig und noch weniger vernünftig, aber davon will eine 16-Jährige nichts wissen. Schlussendlich kam ich zur Dukan Diät. Eine Diät, die auf purer Eiweiß Ernährung aufbaut und mich wie all die Stars, die angeblich damit Erfolg hatten, in Kürze schlank zaubern sollte.


Hier ebenfalls eine Kurzfassung der Folgen: Verstopfung (damals peinlich) - Darmverschluss (noch peinlicher) - Einriss bzw. Analfissur, die mir mein Leben bis heute erschwert (am peinlichsten).


Seit diesem Diät-Versuch habe ich ein Arschproblem und muss dringlichst darauf achten, nicht zu pressen, ja nicht mal drücken ist erlaubt. Sollte dies der Fall sein, kommt ja immer wiedermal vor, dass man sich nicht ganz so ballaststoffreich ernährt und es dann doch fester wird, sterbe ich Stunden nach dem Klogang tausend Tode. Völlig egal in welcher Position ich mich befinde, es kommt ein krampfartig stechender Schmerz, der sich anfühlt, als würde man mit einem scharfen Messer immer wieder auf die Fissur einstechen. Wie viele Tränen ich in meinem Leben deshalb schon vergossen habe, will ich nicht wissen.


Genau davor hatte ich auch bei Levis Geburt Angst und nur davor. Weder vor einem Dammschnitt oder -riss, noch vor Wehenschmerzen, vor gar nichts, nur vor dem Pressen bzw. dem, was danach kommen würde. Leider bestätigte sich das dann auch ziemlich schnell. Etwa ein halbes Jahr lang nach der Geburt konnte ich nach einem Klogang nicht schmerzfrei den Alltag überstehen. Zwei Tage unseres Toskanaurlaubs verbrachte ich schreiend und mich krümmend vor Schmerzen im Bett.

Weinend inmitten der schönsten Olivenhainen beschloss ich, dass mein nächstes Kind per Kaiserschnitt kommt.

Mutterbashing deluxe oder wiedermal: Danke dir, Gesellschaft für ein weiteres Tabu 


Es kotzt mich eigentlich an, mich erklären zu müssen, oder mich erklären zu wollen. Ich sehe es nicht ein, dass ich mich schlecht fühle, sobald ich es jemandem sage und sofort erklären will, warum ich das tue.

Alleine diese Erklärung kostet mich so viel Kraft, denn es ist wirklich eines der intimsten und mit Scham behaftetsten Zeilen, die ich jemals veröffentlicht habe und mir ist nicht schnell was unangenehm...

Alleine der Fakt, dass sich eine Mutter für einen Wunschkaiserschnitt oder noch trauriger, auch für einen normalen Kaiserschnitt schlecht fühlt, macht mich so unendlich wütend, dass diese Zeilen trotz Schamgefühls geschrieben werden müssen.


  • Ist man nur eine gute Mutter, wenn man stundenlang in den Wehen lag?

  • Macht man es sich leicht? Mache ich es mir gerade leicht? Fühlt sich nämlich nicht so an...

  • Nehme ich meinem Kind mit einem Kaiserschnitt irgendwelche Möglichkeiten oder schädige ich seine Gesundheit?

  • Liebe ich dadurch mein Kind weniger? Oder ändert das was an der Bindung zwischen uns?

  • Bin ich feig und ein Versager?

NEIN


All diese Fragen sind meiner Meinung nach mit einem klaren Nein zu beantworten, also wieso genau bringt mich wieder einmal diese Gesellschaft, dieses elendige Mutter-bashing dazu, mich schlecht zu fühlen, zu schämen oder einen Kloß im Hals und schwitzige Hände zu bekommen, sobald ich das Wort "Wunschkaiserschnitt" anspreche?

Ich hatte grundsätzlich noch nie ein Problem mit der Vorstellung eines Kaiserschnitts und auch nie verstanden, warum sich Mamas deswegen schlecht fühlen. Alleine die Sätze, die ich jetzt schon zahlreich bekommen habe, als ich offenbart habe, dass mein Kind mit dem Kopf nach oben liegt, waren ein Grund mich für meinen Wunsch schlecht zu fühlen. Mich hat es insgeheim gefreut, dass er so lag und immer noch liegt, denn ich war mir lange nicht sicher, ob ich die Wahrheit erzählen soll, oder nicht mit einer Lüge besser davonkäme, jedoch liegt mir Lügen nicht.

Mir widerstrebt es Tabus nachzugeben, anstatt gegen diese anzugehen, das wissen all jene, die mich schon länger kennen nur zu gut, deshalb gab es auch unausweichlich für mich nur diesen Weg, darüber zu schreiben.


  • „Ich bete dafür, dass er sich noch dreht!“

  • „Man kann das Kind drehen lassen, ist zwar schmerzhaft, aber Hauptsache es kommt natürlich auf die Welt!“

Das Beste waren immer die Reaktionen, die kamen, wenn ich sagte, dass es mir egal wäre, ob er sich noch dreht oder nicht.

  • „Du wirst doch um Gottes Willen keinen Kaiserschnitt wollen! Er muss sich schon noch drehen!“

Dieses Mitleid, das ich bekam, wenn ich sagte, er liege immer noch mit dem Kopf oben. Am liebsten hätte ich trotzig aufgestampft und geschrien, dass mein Kind liegen darf wie es will, denn ich lasse ihn sowieso per Kaiserschnitt holen. Den Mut hatte ich jedoch nie und so erfahren mit diesem Blogbeitrag nicht nur Fremde oder Follower von meiner Entscheidung, sondern auch Freunde und Familie. Die Menschen, denen ich mich getraut habe davon zu erzählen, lassen sich auf einer Hand abzählen. 




Als die Anspannung fiel

Der Moment, als ich meinen Arzt darauf ansprach und er mich verstand und meinte, dass wir das in meinem Fall machen können, war ich nicht nur erleichtert, sondern von mir fiel eine Anspannung ab, von der ich nicht mal wusste, dass sie da war. Ich habe jetzt keinen Kontrolltermin mehr bei ihm.

Das nächste Mal werde ich ihn wieder sehen, wenn er mir meinen Buben auf die Brust legt und ich die beste Mama sein darf, die ich sein kann.

Ich werde ihn lieben, umsorgen und eine Bindung aufbauen, die ebenso intensiv wird, wie die zu Levi, der natürlich kam. Er wird gesund sein und keine Defizite aufweisen, was im Volksmund immer wieder behauptet wird und meine Narbe, die werde ich lieben und wunderschön finden, denn sie schenkte mir mein zweites Kind.


Es wird nicht der leichtere Weg sein, die Schmerzen der Wundheilung werden genauso da sein, das Wochenbett wird mir im heißen August noch weniger Spaß machen, als beim ersten Mal, aber verdammt nochmal, ich werde nicht permanent und monatelang panische Angst vorm nächsten Klogang haben, um danach vor Schmerzen stundenlang zu weinen.


Ich verbleibe mit mördersicher Angst, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und gleichzeitig purer Vorfreude auf diesen einen wunderschönen Tag im Juli.


Danke fürs Lesen!

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