Der Genuss nicht zu stillen


Gleich mal vorne weg: Ich freue mich für jede Frau die Freude am Stillen hat, denn es ist mit Sicherheit das Gesündeste, ob es auch das Beste ist, ist wie ich finde individuell zu beurteilen und sollte niemals pauschal festgelegt werden. Ich habe was gegen den Satz "Stillen ist das Beste!", denn was löst er aus: Scham, Traurigkeit und schlechtes Gewissen bei all den Müttern, die es aus verschiedensten Gründen nicht können oder wollen. Es sagt aus, dass diese Mütter ihren Kindern nicht das Beste geben, was meiner Meinung nach völliger Blödsinn ist.

Der folgende Text beinhaltet lediglich meine Sicht und Gefühle zum Stillen und soll niemanden beeinflussen oder nicht-stillen verherrlichen!


Stillen

Es nervt. Stillen an sich nervt und das ganze Thema nervt. Es nervt mich, dass auf Milchpulverschachteln geschrieben steht, dass Stillen das Beste ist. Es nervt mich einfach nur alles. Sogar darüber reden nervt mich, mich zu rechtfertigen nervt mich sowieso, mich zu erklären. Sollte ich darüber überhaupt schreiben? Im Moment nervt mich sogar das.


MEINE VORSTELLUNG

Noch bevor Babpuuuuuuh auf die Welt kam, war ich der festen Überzeugung, mindestens 1 Jahr lang voll zu stillen. Ich hatte diese idyllische Vorstellung, dass ich mein Baby voller Liebe beobachte, während ich es auf meinem extra gekauften Stillsessel stille.


Um Beschwerden vorzubeugen: Auf dem Foto bin nicht ich abgebildet, somit keine stillende Lehrerin. Natürlich auch nicht Levi. Es soll lediglich als Symbolfoto dienen.

DER KAMPF UM DAS STILLHÜTCHEN

Levi kam auf die Welt und gleich darauf wurde mir mein Kleiner angelegt. Die halbe Brust wurde gedrückt und in Form gepresst, damit er im Mund auch was spürte und zu saugen begann. Nun gut, nach einigen Minuten schien dies auch zu funktionieren, zumindest so lang er sich nicht bewegte und das ganze Spiel von vorne begann. Zugegebenermaßen hatte ich damit nicht gerechnet. Ich dachte, er wird angelegt und trinkt bis er satt ist. Fertig. Alle sind zufrieden und glücklich.

Schon am nächsten Tag fing es an, dass er trotz Brust zusammenknautschen und formen nicht trinken wollte oder konnte. Er suchte und schrie, erkannte meine kleine Brustwarze scheinbar nicht als Milchventil. Mein Stresspegel stieg und Levi hörte nicht auf zu weinen, bis endlich eine Hebamme ins Zimmer kam und mir ein Stillhütchen anbot. Dieses kleine Plastikteil, was über die Brustwarze gestülpt wird, empfand ich als Segen. Levi trank sofort und ohne Probleme. Es verging keine Stunde, kam eine andere Hebamme herein, die mir das Stillhütchen wieder abnehmen wollte und meinte, dass das schließlich auch ohne gehen müsse.

Warum?? Hatte es doch gerade so gut funktioniert. Levi trank und war entspannt, genauso wie ich.

Also kam das Stillhütchen wieder weg und der Stress begann von vorne. Es dauerte jedesmal eine gefühlte Ewigkeit bis Levi zu trinken begann und dies funktionierte dann auch nur wenige Minuten, denn ruhig lieben bleiben, ohne den Kopf zu bewegen, war für ihn keine Option.  

Ich hatte Schweißperlen auf der Stirn, Levi war blutrot vom Schreien. So hatte ich mir all das definitiv nicht vorgestellt.

Auch das war ein Grund vorzeitig aus dem Krankenhaus entlassen werden zu wollen: Stillhütchen. Ich wollte einfach nur heim, wo ich ohne Tadel Levi mit Stillhütchen stillen konnte.

ZUHAUSE

Liegend in der Nacht war es noch am gemütlichsten, obwohl ich noch so viele Fetzen unterlegen konnte, ich lag am Morgen immer in einem Sumpf. Nach dem Aufstehen zog es mich in die Küche, dort wurde gestillt. Mein Stillkissen brachte ich anfangs alleine nur sehr schwer um meinen Körper, sodass ich meist darauf verzichtete.

Also lief es meist so ab:

Schreiendes, hungriges Baby in einer Hand, während die zweite Hand versuchte das Stillhütchen zu platzieren. Beim Versuch den Kleinen anzulegen wurde regelmäßig und auch wiederholt das Stillhütchen mit rudernden Armbewegungen wieder heruntergerissen. Bis ich saß, der Kleine trank und zufrieden war, war ich schon wieder schweißgebadet.

Hinzu kam, dass er entweder eingeschlafen war, was das ganze oft bis zu zwei Stunden dauern hat lassen, oder er einfach regelmäßig den Kopf weggerissen hat. Das Stillhütchen flog dann gleich mal zwei Meter im hohen Bogen durch den Raum. Ich schaffte es auch nur selten mir einen dieser Fetzen unter die Brust zu klemmen, um die Lawinen an Muttermilch aufzufangen, die mein sehr unökologisch trinkender Sohn verschwendete. Die Folge war, dass ich von oben bis unten nass war, einen absterbenden Arm hatte und furchtbare Kreuzschmerzen bekam. Trotz allem und um mich selbst zu betrügen habe ich mir fest eingeredet wie wunderschön ich nicht all das finde. In Wahrheit war ich ständig genervt. Egal ob auf der Couch, im Sitzen, im Liegen, entspannt war es nie. Nicht einmal der Stillsessel rettete mich. Es war ein Muss, ich war gefesselt und wollte eigentlich ständig, dass Levi fertig wurde, was ich mir ja natürlich selbst nicht eingestand. Hätte ich diese Gefühle zugelassen, hätte ich hinterfragen müssen, was ich für eine Mutter wäre, nachdem alle einen immer nur einredeten, was man nicht für ein Glück hätte, dass es funktioniert und dass es nichts schöneres gäbe.

SO KAMS ZUM ENDE

Im Endeffekt hat Levi nie länger als 10-15 Minuten am Stück geschlafen, sodass dann eben der Verdacht entstand, dass er vielleicht gar nicht satt wurde und im Endeffekt war es auch so. Wir versuchten das erste Mal zuzufüttern und zack - er schlief gleich mal über eine Stunde tief und fest. Ich pumpe nach wie vor Muttermilch ab, die er untertags bekommt, am Abend und in der Nacht gibt’s Aptamil und co. für einen langen und tiefen Schlaf. Seit dem der Kleine das Fläschchen kennt, wo natürlich ganz easy und ohne große Anstrengung erfolgreich gesaugt wird, tut er sich die Arbeit an der Brust nicht mehr an. Juhu.



DIE WAHRHEIT

Ich habe mich insgeheim gefreut, immerhin konnte ich nach außen begründen, warum ich ihn nicht mehr an der Brust hängen hab. Ich konnte quasi die Schuld von mir schieben, weil ich einfach weiß wie meine geheimen Gedanken und Gefühle in der Mamawelt inakzeptabel gewesen wären. Ich fühlte mich nicht schlecht, hatte kein schlechtes Gewissen. Jedoch genau diese unterdrückte Freude machte mir zu schaffen. Sollte ich nicht eigentlich darüber traurig sein? Darum kämpfen, dass es wieder funktioniert? Eine Stillberaterin aufsuchen? Nein, ich wollte schlichtweg einfach nicht. Warum kann ich nicht sagen. Das Leben mit Fläschchen macht für mich den Alltag einfach so viel einfacher, entspannter und ich kann Levi beim Essen in die Augen schauen.

Wobei ich mir übrigens sicher bin, dass er das selbe Glänzen und Glitzern in den Augen hat, wenn er merkt, dass es richtig gutes Futter gibt, wie ich, wenn ich Beef Tartare bekomme. Eindeutig mein Kind.

Ich glaube, dass ich gar nicht so eine extreme Abneigung gegen das Stillen hatte, ich hatte eher eine Abneigung dagegen, was es mit mir tut, was die Leute darüber denken, was es in der Gesellschaft für einen Stellenwert hat.

In der Öffentlichkeit und auch in den Instastories habe ich mich stillend wie eine Provokateurin gefühlt, die für ein Umdenken kämpft. Ich war in Rebellion, auch wenn mir das alles erst jetzt bewusst wurde. Es macht mich traurig, dass es immer wieder Diskussionen über Stillen in der Öffentlichkeit geben muss. Wer will soll doch und wer es nicht will soll es lassen, aber warum andere verurteilen? Warum kann man nicht einfach Mütter bewundern für deren Offenheit und dem natürlichen Umgang damit, auch wenn man selbst vielleicht nicht den Mut/die Lust dazu hätte?

Warum muss einem jeder erklären, dass Stillen das allerschönste ist? Warum wird einem ständig zu einer Stillberaterin geraten? Zu einer Trageberaterin übrigens auch? Ich will verdammt nochmal einfach nicht. Ich hatte nie ein Problem zuzugeben, dass ich nicht mehr stille, immerhin werde ich auch täglich danach gefragt, ich hatte jedoch ein echtes Problem damit, zuzugeben, dass ich es nicht schade oder traurig finde, dass ich mich sogar etwas befreit fühle.

Ich schreibe das, weil ich genau das alles nicht mehr will.


Also für’s Protokoll: ICH GENIEßE ES NICHT ZU STILLEN

Wer dies jetzt als traurig oder egoistisch betrachtet - soll es.


Photo: Karoline Grill Photography

Mein kleiner Levi ist kerngesund, lacht und liebt es mit mir Haut an Haut zu kuscheln, was soll ihm fehlen?

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