Die Nacht in der Opa ging

Ich habe oft Probleme mir das Geburtsdatum meines Mannes zu merken, die Uhrzeit, wann Levi auf die Welt kam, weiß ich auch nicht mehr und mein Kfz-Kennzeichen, das ich seit 2008 habe - keinen Schimmer.

Jedoch weiß ich alles haargenau, was am 14. März passierte.


14. März

Ich stritt ganz fürchterlich mit Thomas, wiedermal ein Streit, der für mich das Ende der Ehe bedeutete. An dem Tag war eine Ärztin bei Opa, eine andere, denn seine Hausärztin hatte keinen Dienst. Es ging um nichts Wichtiges und Opa ging es im Vergleich zu all den Tagen und Wochen zuvor blendend. Typisch für ihn und definitiv ein Zeichen, dass es bergauf ging, er wieder am Weg der Besserung war seit seinem Sturz und Beckenbruch, der all die Schmerzen und den Verfall auslöste, war, dass er heftig mit der Ärztin flirtete. Er lag in seinem Pflegebett, strahlte und machte Witze, dass es ihm doch nur gut gehen könne, wenn so eine wunderschöne Medizinerin auf seiner Bettkante Platz nehme. Mein Opa, wie er leibt und lebt... Lebte.


All das erzählte mir am selben Tag meine Mutter. Ich hatte keinen Kopf dafür, freute mich zwar darüber, dass es ihm besser ging, war in Gedanken allerdings nur bei Thomas und dem blöden Streit.


Ich kann nicht sagen, wann ich meinen Opa das letzte Mal sah, war es nur einen Tag zuvor oder eine Woche, ich weiß es nicht mehr.

Ich weiß nur noch, dass es jedesmal eine Überwindung war, ihn zu besuchen. Ich weinte in dieser Zeit oft alleine für mich. Es war immer wieder schwer zu sehen, wie Opa bewegungslos in seinem Bett lag, der Leibstuhl daneben, meist schlafend mit geöffnetem Mund. Die Geräusche, das Röcheln, das er schlafend von sich gab, waren für mich nur schwer zu ertragen. Der Geruch in dem Zimmer war fast nicht auszuhalten. Eine Woche vor dem 14.März, an dem es ihm endlich wieder gut ging, stürzte er erneut, nachdem er nachts alleine versuchte aufzustehen, weil er der Überzeugung war, das Brot müsse aus dem Ofen. Da kam der Bäckermeister von früher hervor. Er stürzte und die Pflegerin konnte ihn alleine nicht aufheben, sowohl Thomas, als auch ich hatten unsere Handys in der Nacht auf Flugmodus, sprich der Versuch meiner Mutter uns anzurufen scheiterte. So musste sie nachts kommen, um ihren Vater, der vor Schmerzen schrie, wieder ins Bett zu bekommen. Sie war sauer. Sie war unglaublich wütend auf uns, was mich im Gegenzug wieder wütend machte.

Keinem ging es gut zu dieser Zeit, alle waren angespannt, gestresst und traurig.

Hätte doch einfach jemand an unser Fenster geklopft, wozu wohnen wir Wand an Wand in quasi einem großen Mehrfamilienhaus?!


Der 14. März ging zu Ende. Ich schlief schlecht, immer noch tieftraurig aufgrund des Streits mit Thomas, der neben mir lag und augenscheinlich wie ein Stein schlief.


Die Nacht

In der selben Nacht auf 15.März, etwa 03:00. Es klopfte am Fenster. Ich schoss hoch und sah um mich. Sofort wusste ich, dass Opa wieder gestürzt sein musste, erwartete die Pflegerin am Fenster zu sehen. Noch vor dem Öffnen weckte ich panisch Thomas in der Annahme er müsse aufstehen und meinen alten Opa wieder ins Bett heben. Während er aufwachte, öffnete ich das Fenster. Davor stand jedoch nicht die Pflegerin und auch nicht meine Oma. Nein, es stand meine Mama davor mit glasigen Augen.

„Opa ist gerade gestorben.“ Die Zeit blieb stehen, ich reagierte nicht. „Kommst du rüber?“

Ich verstand kein Wort, ich nickte, schloss das Fenster und für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich mich wieder hinlegen sollte, denn das musste ohnehin nur ein Traum gewesen sein. Ich saß im Bett. 1 Sekunde oder 10 Minuten, ich kann es nicht sagen.

„Thomas, bin ich wach?“

„Ja... Opa ist tot!“


Ich blickte auf das friedlich schlafende Kind zwischen uns. Levis Urli soll nicht mehr da sein? Ich versuchte zu realisieren, was in den letzten Minuten passiert war.

Am Weg über den dunklen Hof zur Tür meiner Großeltern gingen mir 1000 Gedanken durch den Kopf, die verschiedensten Gefühle kamen. Kurz blieb ich stehen am riesengroßen Urli-Levi Foto, das bis heute noch neben der Urli-Couch hängt, wo er mit Hund und Kind gesessen und Levi immer wieder erklärt hat, wie sehr er ihn lieben würde.


Was erwartet mich, wenn ich jetzt das Zimmer betrete? Ein toter Opa? Konnte ich das sehen, wie sollte ich so einem Anblick Stand halten, wie sollte ich sowas jemals verkraften? Alle Fasern in meinem Körper sträubten sich hinein zu gehen, ich war nahezu wie gelähmt vor Angst vor dem, was ich zu sehen bekommen sollte, vor dem, was dann einfach zur Tatsache wurde und ich realisieren musste.


Ich betrat das hell erleuchtete Zimmer. Mein Blick ignorierte die Pflegerin, ging über zu meiner Oma, die mitten im Raum auf einem Sessel mit Rücken zur Tür saß, wich meiner Mutter aus, die weinend auf mich zu kam und landete schlussendlich und unausweichlich bei meinem Opa. Ich war starr, fühlte nichts, weinte nicht. Es war nicht real. Ich war nicht anwesend in dem Moment. Mein über alles geliebter Opa lag in seinem Bett, die dürren faltigen Hände gefaltet übereinander.

Der Mund weit geöffnet, ebenso wie er in letzter Zeit geschlafen hatte, nur fehlte jetzt das Röcheln, denn mein Opa war tot.

Ich vergoss in dieser Nacht keine einzige Träne.


„Das Herz steht still, wenn Gott das will!“, war der einzige Satz, den ich von Oma hörte, die gefasst wirkte, als hätte sie sich ewig auf diesen Tag vorbereitet. Vermutlich hatte sie das auch. Jetzt war sie Witwe.


Am Vormittag kam die Ärztin erneut, wieder die selbe, die Opa am Tag davor umschwärmt hatte, nur diesmal um seinen Tod festzustellen. Ach Opa, du hattest Recht, sie war wirklich wunderschön.

Danach ging ich. Das Abholen und in den Sarg legen traute ich mir schlichtweg nicht zu, zu ertragen.


Das große Weinen

Ich ging schlafen und schlief viele Stunden, ja beinahe der ganze Tag verstrich, als ob ich es einfach nicht zulassen wollte, aufzuwachen. Laut Pflegerin lebte er eine Stunde zuvor noch, als sie mit ihm auf den Leibstuhl ging, danach musste sie aufs Klo und da hörte sie ihn nicht mehr atmen, oder eben röcheln.

Er starb und es trennten unsere Räume nur eine Mauer. Wie konnte ich das nicht mitbekommen, wie konnte ich das nicht fühlen?

Einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben mit dem ich durch so viel Liebe verbunden war, stirbt nahezu neben mir und ich wache nicht einmal auf? Ich merke rein gar nichts?


Als ich aufwachte und realisierte, was die letzten 24h passiert war, begann ich leise zu weinen. Ich weinte und weinte und weinte unaufhörlich. Ich schluchzte laut und weinte wieder leise. Immer wieder dazwischen schlief ich erschöpft ein, nur um kurze Zeit später aufzuwachen und weiter zu weinen. Alleine, nur für mich.

Das war der Tag an dem mein Opa starb, der Tag, bzw. die Stunden, die ich niemals vergessen werde.


Heute

Oft, wirklich oft denke ich an ihn. Jedesmal wenn jemand im Hof ist, sei es meine Oma oder die Pflegerin, jedesmal glaube ich in der ersten Sekunde, es wäre mein Opa, der wieder zu seinem geliebten Levi will. Wie oft nahm er sich einen Sessel, setzte sich stillschweigend vor die Terrassentür des Kinderzimmers und hoffte, dass er so Levi sehen konnte oder dass wir herauskamen.

Levi löste mich ab, als sein Ein und Alles, sein Lebensinhalt und sein Herzipinki, wie er mich und auch ihn immer nannte.

Er verbrachte Stunden damit, ihm vorzusingen, Geschichten zu erzählen oder einfach nur bei ihm zu sein oder mit ihm auf der Couch im Hof zu sitzen und das seit der ersten Sekunde von Levis Leben.


Jedesmal wenn Levi in den Hof rauskam, startete er zur Couch, auch heute noch, suchend nach seinem Urli. Oft sitzt er alleine, ungewohnt geduldig da, als ob er auf ihn warten würde, das Foto an der Hausmauer wird regelmäßig bestaunt.



Hat man anfangs nach dem Urli gefragt, hat Levi sofort auf die Couch oder den Eingang, oder sogar zu dem Platz, wo sein Bett stand, gezeigt. Fragt man heute nach dem Urli, zeigt Levi freudestrahlend in den Himmel.

Wir alle vermissen meinen Opa, Levi jedoch, habe ich zumindest das Gefühl, weiß am allerbesten, dass er doch immer noch bei uns ist, uns beobachtet und beschützt und mit jedem Sonnenschein und Vogelgezwitscher ein Lächeln zuschickt.

Eine Erinnerung, die direkt ins Herz geht 

Dass die Verbundenheit von Levi und seinem Urli vielen von euch auch ans Herz gegangen ist, bedeutet mir unglaublich viel, dass Levi jedoch jetzt das allerschönste Geschenk bekommen hat, macht mich sprachlos. Die Buchbinderei Strandl, von der ich schon die schönsten mit Liebe und Hand gebundenen Fotoalben, Reisepasshülle und Schwangerschaftstagebuch habe, hat sich etwas einfallen lassen, um Levi eine Erinnerung an seinen Urli zu schenken, die ewig währt. 

Es wurden nicht nur die liebsten Fotos der beiden verwendet, sondern auch die Sätze und Lieder, die der Urli immer wieder zu Levi gesagt oder gesungen hat, aufgegriffen und zitiert. Alles auf extradickem Papier, sodass Kinderhände das Werk bestaunen, begreifen und erfreuen können.

Das Buch ist klarerweise eine Spezialanfertigung und kann unter folgendem Link angefragt werden: https://www.strandl.eu/erinnerungsbuch-spezial/

Ich lasse euch einfach die Bilder da, die viel besser zeigen können, was Clemens und Julia hier geschaffen haben...





In Worte kann ich nicht fassen, wie dankbar ich dafür bin. Eine Erinnerung, ein Geschenk, das mir so ans Herz geht und Levi seinen Urli niemals vergessen lässt.


DANKE - Clemens und Julia von der Buchbinderei Strandl - ihr habt was Wunderbares vollbracht <3

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