Österreich gegen Meningitis, wir gegen Meningitis

Etwa vor einem Monat bekam ich eine Mail: „Liebe Verena, wir möchten Dich herzlich zu dem Influencer-Event #ÖsterreichgegenMeningokokken einladen...“. Events sind für mich nichts Neues. Man geht hin, bewundert und fotografiert das neue Haarshampoo, isst sich den Ranzen voll und geht gut gelaunt wieder heim. Dass dieses Event anders ablaufen sollte, war mir sofort klar.


Noch bevor ich überlegte, ob ich überhaupt Zeit dafür hätte, googelte ich erstmal „Meningokokken“. Ich kannte das Wort, wusste, dass es etwas ist, wogegen man impfen konnte, das war’s dann aber auch schon. Hatte ich doch zuvor nie damit zu tun gehabt und bevor ich Mama wurde, galt mein Interesse auch eher besagtem Haarshampoo.


Nun gut, Zeit hatte ich, Interesse auch, also sagte ich zu. Levi und Thomas durften mich begleiten, was ziemlich gut war im Nachhinein betrachtet, da wir Tage später noch über Gehörtes gesprochen haben und eigentlich entsetzt waren, wie unwissend wir zuvor waren. Bei dem Event ging es primär darum zu informieren, ein Bewusstsein zu schaffen und über Meningokokken aufzuklären. Hierfür war unter anderem der Intensivmediziner und Kinderarzt Dr. Alexander Schneider anwesend, der uns mit Informationen und Geschichten aus seinem Berufsalltag versorgte. Weiters standen Dr. Michael Aichinger, Dr. Susanne Döpper, Mitarbeiter bei GFK und Hannes, ein Betroffener, der die Erkrankung wie durch ein Wunder überlebte, Rede und Antwort.



IMPFEN

Das Thema Impfen allgemein ist ein großes, kontroverses Thema, über das ich mir selbst nicht so ganz im Klaren war. Ich wusste lange nicht wirklich, was ich darüber denken sollte. Alles impfen, weil sicherer oder der Panikmache von Impfschäden und verpfuschten Immunsystemen glauben?

Man hört und liest so viel, wo oft so wenig Wissen und Wahrheit dahintersteht. Aber was soll man glauben, wem vertrauen? Wer hat recht, was ist richtig?

Im Endeffekt ist es das selbe, wie bei vielen anderen Themen, mit denen sich Mütter oder auch Väter auseinandersetzen müssen: Jeder Elternteil will das Beste für sein Kind, deshalb sollte, wie ich finde, auch niemand von außen kritisiert oder angegriffen werden für Entscheidungen, die getroffen werden. Was ich allerdings überhaupt nicht verstehen kann, ist, wenn man sich nicht genauestens informiert und mit den einzelnen Impfungen auseinandersetzt, denn das bin ich meinem Kind schuldig und Facebook oder Hörensagen reicht hier definitiv als Informationsquelle nicht aus! Ich habe für mich mittlerweile eine Antwort gefunden, aber dazu am Schluss mehr.



MENINGO...Waaaas? MENINGOKOKKEN

Wie schon erwähnt, wusste ich nichts darüber. Wie auch meine kleine Umfrage auf Instagram ergab, wussten auch die meisten meiner Follower nichts darüber und auch eine Befragung von Passanten auf der Straße ergab, dass über Meningokokken eine immense Unwissenheit herrscht.


Im Folgenden werde ich versuchen euch genau diese Unwissenheit zu nehmen und das kurz, knapp und vor allem verständlich.


Was sind Meningokokken?

Weltweit vorkommende Bakterien.


Wie werden diese Bakterien übertragen?

Durch Tröpfcheninfektion. Beim Niesen, Sprechen, Husten, Küssen, ... werden die Krankheitserreger, die sich im Nasen- oder Rachenraum oder im Atmungstrakt befinden, an die Luft abgegeben und von anderen Menschen eingeatmet.


Inkubationszeit

2-10 Tage dauert es von der Infektion bis zum Auftreten der ersten Symptome.


Wer ist gefährdet?

Grundsätzlich kann es alle Altersgruppen treffen, doch vermehrt sind Säuglinge (naives Immunsystem, mütterliche Antikörper nehmen ab) und Jugendliche (Küssen, Rauchen, Massenveranstaltungen, ...) betroffen. Beinahe alle Betroffenen waren davor gesund!


Dr. Alexander Schneider: „Als Kinderfacharzt, der in der Kinderintensivstation an der Wiener Universitätsklinik für Kinder- & und Jugendheilkunde arbeitet, habe ich leider schon oft dramatische Verläufe bei einer Meningokokken-Erkrankung gesehen. Leider sind fast alle Kinder, die mit einer Meningokokken-Infektion zu uns kamen und im Folge der Erkrankung eine Sepsis (Blutvergiftung) erlitten, daran gestorben. Sie konnten trotz medizinischer Behandlung nicht gerettet werden. Daher war ich als Arzt und Vater so erleichtert, als entsprechende Impfungen auf den Markt kamen, durch die man endlich die nötigen Vorsorgemaßnahmen treffen konnte, um Babys und Kinder vor dieser mitunter todbringenden Erkrankung zu schützen.“


Wie zeigen sich die ersten Symptome?

Grundsätzlich kann eine Erkrankung binnen 24 Stunden zum Tod führen.


0-8 Stunden: Grippeähnliche Symptome wie: Gereiztheit, Appetitverlust, Fieber, Übelkeit, Gliederschmerzen bei älteren Kindern und Jugendlichen, Beinschmerzen bei Säuglingen und Kleinkindern, Benommenheit, schlaffer Muskeltonus bei Säuglingen unter einem Jahr.


9-12 Stunden: Kalte Hände und Füße, Ausschlag, Nackensteifigkeit, Lichtscheuheit, Wölbung der Fontanelle (weiche Stelle am Kopf des Säuglings)


16-24 Stunden: Verwirrtheit, Bewusstlosigkeit, Krämpfe, Septischer Schock, Multiorganversagen, Tod

Tipp von Dr. Schneider: „Eine Meningokokken Erkrankung ist anfänglich oft durch unspezifische und grippeähnliche Symptome schwer von einem normalen grippalen Infekt zu unterscheiden. Falls Ihr Kind aber sehr krank wirkt, fiebert und auch nicht gut auf fiebersenkende Medikamente reagiert, dann rate ich dazu, einen Kinderarzt aufzusuchen oder in die nächstgelegene Ambulanz zu gehen. (Andere Symptome wie Lichtempfindlichkeit, Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit und punktförmige Hautblutungen können auch auftreten). Dort kann man anhand eines Fingerstichs unterscheiden, ob es sich um eine bakterielle oder eine virale Infektion handelt und dementsprechend agieren/therapieren. Im Falle einer Meningokokken-Infektion gilt es rasch zu handeln, da die Erkrankung innerhalb von 24 bis 48 Stunden lebensbedrohlich sein kann, und umgehend mit einem Antibiotikum begonnen werden muss.“


Impfempfehlung:

Meningokokken B: Alle Kinder möglichst früh ab dem 3. Lebensmonat.

Meningokokken C: Alle Kinder ab dem vollendeten 1. Lebensjahr bis vollendeten 10. Lebensjahr.

Meningokokken ACWY: Alle Kinder ab dem vollendeten 10. Lebensjahr bis zum vollendeten 19. Lebensjahr.


Dr. Susanne Döpper: „Da es verschiedene Gruppen von Meningokokken gibt, existieren auch unterschiedliche Impfungen. Ihr Kinderarzt informiert Sie über die einzelnen Impfungen. Der österreichische Impfplan empfiehlt die Impfungen gegen Meningokokken B, C und ACWY.“

Wie häufig kommt eine Erkrankung vor?

Diese Frage habe ich mir bewusst bis zum Schluss aufgehoben. Laut Statistik erkrankten in Österreich von 2008-2017 594 Menschen an Meningokokken Infektionen, davon starben 64.

Das hört sich erstmal nicht viel an, was ist jedoch, wenn es genau dein Baby oder dein Kind trifft?

Dr. Michael Aichinger: „Die Erkrankung ist nicht sehr häufig und das Risiko sich damit zu infizieren auch relativ gering, aber wenn sie auftritt, stellt sie das bisherige Leben von Betroffenen und Angehörigen komplett auf den Kopf.“


Mich persönlich hat die Zahl nicht so sehr beeindruckt. Vorerst. Bis ich die Story des Events auf Instagram geteilt habe und unter meinen Followern, ja sogar unter meinen Freunden 13 Betroffene waren, die es entweder selbst hatten oder ein Familienmitglied oder sogar eine beste Freundin verloren hatten. Ich habe Geschichten zu lesen bekommen, bei denen mir jetzt beim Schreiben noch kalt aufläuft. Geschichten, wie wir eine ganz besondere auch am Event zu hören bekamen, denn es war ein Mann anwesend, der eine Meningokokken-Sepsis (Blutvergiftung) überlebte.


HANNES, EIN BETROFFENER

Hannes war Leistungssportler und gerade im österreichischen Skikader aufgenommen, als er mit 18 Jahren an einer Meningokokken-Meningitis erkrankte.


Alles fing an, als er sich mit Kopfschmerzen ins Bett legte und daraufhin ins Koma fiel. Glücklicherweise wurde er in ein Krankenhaus gebracht. Seine Überlebenschancen lagen bei unter 5%. Nach zwei Wochen wurde Hannes aufgeweckt. Seine Muskulatur hatte abgebaut, er hatte immens viel Gewicht verloren und selbst war er zu schwach, sich die Zähne zu putzen oder eigenständig zu trinken. Die ersten Monate konnte er sich nicht selbst versorgen. Schreiben und Lesen musste er neu erlernen, war körperlich unbeweglich und sogar auf einen Rollstuhl angewiesen. Wie durch ein Wunder geht es ihm heute wieder gut und er hat keine Folgeschäden davongetragen.

Er sagt: "Wenn man Nackenschmerzen oder Kopfweh hat und es sich nicht so anfühlt, wie man es kennt oder sich die eigenen Kinder schlecht fühlen und man als Mutter oder Vater ein ungutes Gefühl hat, sollte man nicht zögern und auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen"

DER IMPFSTOFF

Wie ein Impfstoff hergestellt und kontrolliert wird, war wieder ein Thema mit dem ich mich noch nie zuvor befasst hatte. Dr. Michael Aichinger konnte uns diesbezüglich einige Informationen liefern: „Impfungen werden gesunden Menschen verabreicht. Noch mehr, sie werden den für uns Eltern wertvollsten Menschen in unserem Leben verabreicht – unseren Kindern. Daher muss die Qualität der Impfung stimmen. Zwei Jahre dauert es in etwa, einen Impfstoff herzustellen. 70% dieser Zeit wird dafür verwendet, die Qualität der Produktion sicherzustellen. Über 100 Qualitätskontrollen muss jede Impfung im Durchschnitt bestehen, bevor sie zur Verabreichung freigegeben wird.



IMPFGEGNER UND IMPFSKEPTIKER

Bis ich Mama wurde, war ich Impfskeptikerin. Warum? Vermutlich weil ich mich ebenso wie tausend andere, von Horrorgeschichten in den sozialen Netzwerken blenden hab lassen. Blenden deswegen, weil die meisten Geschichten weder Hand noch Fuß haben und ohne Fakten und wissenschaftlicher Beweise in die Welt gestellt, hundertfach geteilt werden und Mamas verunsichern. Erst seitdem ich Mama bin, habe ich mich näher über Impfungen informiert, was ich jeder Mama und jedem Papa nur raten kann. Ich lasse Levi alles impfen, das ich für notwendig halte. Meningokokken zählen da definitiv dazu, genauso wie all die anderen Impfungen, die im österreichischen Impfplan verankert sind, dass diese Impfung selbst bezahlt werden muss ist schade, für mich aber kein Grund es nicht zu tun. Hier zu sparen, wäre definitiv der falsche Platz!



Dr. Schneider: „Gerade im Internet und in vielen anderen Medien hält sich das Gerücht, dass Impfungen ernsthaft schaden. Zum Beispiel: Impfungen können angeblich Autismus auslösen - das ist schlichtweg falsch und wurde nie erwiesen. Die Studie, in der das behauptet wurde, musste sogar zurückgezogen werden. Fakt ist: Eine Impfung rettet Leben. Krankheiten kosten im schlimmsten Fall das Leben. Ich kann aber verstehen, wenn Eltern verunsichert sind. Als Kinderarzt ist es daher wichtig, sich die Zeit zu nehmen, um die Eltern aufzuklären und ihnen ehrliche, valide und objektive Informationen zu liefern. Wie sie sich dann entscheiden, ist ihnen überlassen, aber meine ganz klare Empfehlung lautet: Impfen Sie ihr Kind und impfen Sie möglichst alle im Österreichischen Impfplan enthaltenen Impfungen. Es gibt Impfungen gegen Meningokokken B, C sowie ACWY. Die Impfungen (Meningokokken B & C) sind leider bis dato nicht kostenlos im österreichischen Impfplan enthalten. Wir Kinderärzte plädieren dafür, dass sich das ändert, weil wir dadurch die Chance hätten, vielen Kindern das Leben zu retten.”



Liebe Mamas, liebe Papas: INFORMIERT EUCH und entscheidet erst dann. Ich stelle mich hiermit jeglicher Kritik, jeder Diskussion, die mir niveau- und respektvoll entgegengebracht wird. Ich nehme mir die Zeit, da mir das Thema wirklich am Herzen liegt!


In freundlicher Zusammenarbeit mit GSK.


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