Schwanger nach der Fehlgeburt

SCHWANGER. Mitlerweile sorgt diese Tatsache für Gefühle wie Glück und Zufriedenheit bei mir. Ich weiß nicht, ob ich strahle, wie man das einigen Schwangeren nachsagt, aber ich fühle mich zumindest als würde ich glänzen und glitzern und funkeln und eine wohlfühlende Armoatherapiewirkung aussenden. Nachdem ich noch nie ein Sonnenschein, sondern eher ein sarkasmusgefüllter Grandscherbn war, glaube ich fast, dass ich die einzige bin, die an mir dieses Strahlen wahrnimmt. Ist mir aber auch recht, oder in meinen Worten:,, Voi wuascht!" (Deutsch: voll egal)





NUR SO EIN SCHLECHTES GEFÜHL

Warum der zweite Satz mit ,,Mittlerweile" beginnt, kann ich auch gleich erklären. Ich war schon einmal schwanger, um genau zu sein im Herbst/Winter 2017, also noch gar nicht so lange her. Es war meine erste Schwangerschaft und ich konnte es nicht glauben. Die Striche auf den Schwangerschaftstests waren auch beim sechsten sehr schwach, aber sie waren da, sagten zumindest auch Google und all die vergleichbaren schwachen Striche der Tests, die unsichere Frauen ins Netz stellten, um von wildfremden Leuten die Bestätigung ihrer erfolgreichen Fortpflanzung zu erhalten. So auch ich. Nachdem ich erfuhr, dass vor der 6.-7. Woche ein Frauenarzttermin unnötig ist, da man ohnehin noch nichts sehen kann, bekam ich auch zwei Wochen später erst einen Termin. Die zwei Wochen, die ich mit meinen feinen Strichlein auf immer mehr werdenden Tests ausharren musste, waren eine Qual. Ich wusste nicht wie ich mich fühlen sollte, ich war schwanger, aber wie fühlt man sich, wenn man schwanger war? Mein Gefühl war absolut furchtbar, ich fühlte mich nicht schwanger, hatte ständig und permanent Unterleibsschmerzen, als würde ich sogleich meine Tage bekommen, mein Rücken tat weh und mein Gefühl sagte mir, irgendetwas stimmt nicht. Aber nachdem ich ja noch nie schwanger war, wusste ich nicht, ob dieses Gefühl richtig oder falsch war. Für mich war irgendwann klar, so kann man sich doch nicht fühlen, wenn man glücklich schwanger ist. Google wurde mir irgendwann selbst zu blöd. Ich wusste mittlerweile allmöglichen Gründe für meine Unterleibsschmerzen, von alles normal bis zur Eileiterschwangerschaft mit Todesfolge war alles dabei. Ich war also auf alles vorbereitet. Alleine, da mich und meine Sorge niemand erst nahm.


DIE ANGST WURDE ZUR REALITÄT

Der Tag war gekommen. Der Tag der ersten Untersuchung, der allen anderen bestätigen sollte, dass ich einfach hysterisch war und ich ein gesundes Baby in mir haben würde, war gekommen.

Mein Mann begleitete mich, ich ging jedoch alleine hinein zur Untersuchung. Es erfolgte ein Vorgespräch, der Arzt fragte mich nach meiner letzten Regelblutung und berechnete die Woche, in der ich mich befinden sollte. 6. Woche in etwa sollte es sein. Ich erzählte ihm auch gleich von meinem blöden Gefühl, welches er vorerst nicht weiter kommentierte.

Am Ultraschall war ein Pünktchen zu sehen, was für mich gar nichts darstellte. Für meinen Arzt leider auch nicht. Er meinte, dass es zu früh sein könnte, aber eher für ihn nach einer nicht intakten Schwangerschaft aussieht, möglicherweise eine extrauterine Schwangerschaft (=außerhalb der Gebärmutter), wahrscheinlich eine Eileiterschwangerschaft sei. Ich lag auf dem Stuhl, starrte wie versteinert auf den kleinen Bildschirm und war wie gelähmt. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich in diesem Moment nicht in meinem Körper gewesen und hätte alles nur von oben beobachtet. Die Minuten, wenn es überhaupt Minuten waren, kamen mir vor wie Stunden und schon saß ich wieder voll bekleidet beim Schreibtisch. Als mir Blut abgenommen wurde, kam ich langsam wieder zu Sinnen und vernahm wieder Worte, die mir mein zuvor beschriebenes Gefühl bestätigten. Ich solle doch eine Woche später nochmal kommen, um den Verdacht deutlicher zu sehen oder gar zu bestätigen. Ich öffnete die Tür, mein Mann lächelte mich voller Vorfreude an. Ich sagte nichts, ich merkte nur wie der Kloß in meinem Hals wuchs und mit Sicherheit binnen kürzester Zeit in einem Tränenmeer enden würde. ,,Verdacht auf Eileiterschwangerschaft", war das einzige, was ich rausbrachte. Ich weiß nicht, wie mein Mann geschaut hat oder reagiert hat, denn ich ging einfach weiter Richtung Auto. Ihn anschauen konnte ich nicht, in meinem Kopf bebten 1000 Gedanken, die sich nicht ordnen ließen.


DIE ENTSCHEIDENDE WOCHE

Die Woche war schrecklich, ich konnte nur weinen, war nicht fähig arbeiten zu gehen, wollte keine Menschen sehen, die nichts davon wussten, mich anlächelten und sich über Lappalien aufregten. Ich ertrug keinen Fernseher, keinen Hund, nichts. Eine Woche war ich beschäftigt damit in Foren nach ähnlichen Geschichten, die gut ausgingen zu googeln. Ich wollte ein Wunder, ich wollte Hoffnung. ich wollte den Gedanken, dass mein Baby (auch wenn es medizinisch noch keines war) nicht leben würde, nicht zulassen.

Es kam der Tag, genau eine Woche danach, selbe Uhrzeit. Ich befand mich wieder auf dem selben gynäkologischem Stuhl wie zuvor, der Ultraschall begann. Der Punkt war mittlerweile ein größerer Punkt, was mich in der ersten Sekunde freute. Auch der Arzt musste feststellen, dass sich etwas getan hatte, jedoch gefielen ihm meine Blutwerte überhaupt nicht. Der HCG Wert war zu niedrig. Nachdem sich dieser jedoch alle 2-3 Tage verdoppeln müsste, musste ein weiterer Vergleichsbluttest her. Mit weiter bestehender Ungewissheit und purer Angst schickte er mich wieder heim, um eine weitere Woche abzuwarten.

Am Abend bekam ich zu den noch immer bestehenden Unterleibsschmerzen leichte Blutungen, die ich vor meinem Mann und ich glaube auch vor mir, verheimlichte. Ich wollte es nicht wahrhaben. Meine Hoffnung sollte nicht getrübt werden, ich verdrängte die Schmerzen und die Blutungen und ging schlafen.

Am nächsten Tag rief mich mein Arzt an. Kein gutes Zeichen im Normalfall. Ich solle doch bitte heute, am besten noch vormittags ins Krankenhaus kommen, der HCG Wert sei zu wenig gestiegen und er müsse nochmals Blut abnehmen und mich untersuchen. Mein Mann fuhr mit, wie es ihm ging, weiß ich bis heute nicht, aber ich merkte, dass er versuchte tapfer zu bleiben und ich hatte nicht die Kraft danach zu fragen, versuchte ich doch permanent meinen Tränenfluss unter Kontrolle zu halten.

Ergebnisse im Krankenhaus: HCG Wert wieder gestiegen, allerdings wieder zu wenig. Ultraschall: Ich glaubte es kaum, sogar der Arzt war überrascht, es war tatsächlich ein Dottersack zu sehen und kein lediges Pünktchen mehr. Es hatte sich also auch hier was getan. Meine Hoffnung stieg auch dadurch, dass mein Gynäkologe die minimale Blutung als unproblematisch ansah. Sollte diese allerdings stärker und die Schmerzen dazu unerträglich werden, solle ich sofort ins Krankenhaus kommen, in diesem Falle, solle ich mich auch auf eine Operation gefasst machen, aber ansonsten würde fürs Erste meine Schwangerschaft fortbestehen.



DIE NACHT

20:00, selber Tag. Nicht nur die Blutung war viel stärker geworden, ich lag weinend vor Schmerzen, zusammengekrampft am Boden und verweigerte die Fahrt ins Spital. Ich wollte es nicht wahrhaben und hoffte, dass es einfach wieder vergehen würde. Ich wollte mein Baby nicht loslassen. Mein Mann redete mit Engelszungen auf mich ein, Sorge und Angst waren ihm ins Gesicht geschrieben. Schließlich wählte ich die Nummer des Arztes, der mich sofort herbestellte und seelisch auf eine mögliche Notoperation vorbereitete, sollte der Eileiter geplatzt sein.

Dort angekommen wurde ich sofort untersucht. Aus der leichten Blutung war mittlerweile ein Schwall geworden. Die Schmerzen waren kaum auszuhalten. Und dann sah ich es: den Bildschirm, der die Ergebnisse des Ultraschalls wiedergab. Blut. Sonst nichts. Kein Pünktchen, kein Dottersack, kein gar nichts. Es war alles weg, als hätte es niemals etwas gegeben, worauf ich mich hätte freuen können. Eine Operation war nicht notwendig, was mir in diesem Moment völlig gleichgültig war. Ich war starr vor Trauer und Schmerz.

Ich bekam ein Zimmer zugewiesen und Schmerzmittel intravenös, die Blutungen sorgten dafür, dass nichts mehr vorhanden war, was ich hätte lieben können. Ich weinte bis ich in den Morgenstunden langsam einschlief.



ALLES HAT EINEN GRUND

Am 18.12. durfte ich das Krankenhaus verlassen, es fehlten nicht mehr viele Tage bis zu den Weihnachtsferien, die ich zu Hause verbrachte. Ich fühlte mich kraftlos und traurig, jedoch hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ich fand einen Weg, der alles für mich erklärte, einfach verständlich machte, all meine Warum-ich-Fragen beantwortete. Es war und ist mein Weg, mein Glaube und mein Vertrauen in einen Sinn, den man nicht im ersten Moment verstehen muss.

Ich war und bin mir bis heute sicher, dass dieses kleine Wesen, ob es Baby, Embryo oder einfach kleine Seele genannt wird, niemals für uns gedacht war. Es war noch nicht bereit geboren zu werden oder zumindest nicht von mir, denn es war vielleicht für eine andere Frau oder Familie bestimmt. Im Gegenzug sagte ich mir damals schon, dass vielleicht ein ganz anderes Seelchen bestimmt ist, Teil unserer Familie zu werden und genau so ist es auch: Nur vier Monate später wurde ich wieder schwanger und es fühlte sich von Anfang an ganz anders an. Es war gut, ich fühlte mich, wie ich es mir vorgestellt hatte, einfach nur glücklich und wohl. Jetzt sitze ich da, schreibe diesen Text, den ich schon so lange schreiben wollte, streichle über meine kleine Kugel und freue mich, dass morgen das 5. Monat beginnt und mein Baby kerngesund ist.


Ich glaube ganz fest an das Schicksal, an etwas Höheres. ich glaube daran, dass alles einen Grund hat und es einen Weg gibt, dass ein falscher Weg automatisch ein richtiger ist, da er uns, und sei es nur eine weitere Erfahrung, irgendetwas gibt, was wir im Leben brauchen (können) und ich glaube, dass alles irgendwo gut ist, wenn auch nicht schön.


ICH BIN WIEDER SCHWANGER und überglücklich, voller Freude auf mein Baby und dankbar der kleinen Seele, die vielleicht auch gerade wo heranwachsen darf oder noch darauf wartet, dankbar, dass ich sie erleben durfte. Die ersten angsterfüllte drei Monate sind vorbei und ich genieße jeden Tag. Die Fehlgeburt hat vieles gemacht mit mir, mich gestärkt, mich zum Weinen gebracht, mich zum Nachdenken angeregt, mir erlaubt, mein Baby, das für mich bestimmt ist, einmal lieben zu dürfen, vieles, aber auf keinen Fall hat es mich geschwächt.





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